Donnerstag, 5. August 2010

Die Lohnschere öffnet sich weiter! Von wegen...

Von Kurt Weigelt, Direktor IHK

Am 22. Juni geisterte eine fette Schlagzeile durch den gesamten Schweizer Blätterwald: Die Lohnschere öffnet sich weiter. Als Beleg für diese Aussage wurde eine Untersuchung des Gewerkschaftsverbandes Travail Suisse zitiert, nach der trotz Rezession in jeder zweiten Firma die Toplöhne stärker stiegen als die Tiefstlöhne. Die Behauptung einer im grossen Stil wachsenden Lohnkluft ist schlicht falsch.

Wer sich die Mühe nahm, auch das Kleingedruckte zu lesen, stellte fest, dass Travail Suisse lediglich die Löhne von 27 Konzernen untersuchte und bei 13 Firmen ein zunehmendes Lohngefälle feststellte. 13 Firmen! Mit andern Worten: bezogen auf die Lohnentwicklung in der Schweizer Wirtschaft war die Schlagzeile wertlos und diente einzig dem Zweck, das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu beschädigen. Damit hat die Gewerkschaft ihr Ziel erreicht. Kompliment.

Ärgerlich ist, dass es sich bei dieser medialen Fehlleistung nicht um einen bedauerlichen Einzelfall handelt. Im Gegenteil. Die Gleichsetzung der Schweizer Wirtschaft mit einigen wenigen globalen Konzernen gehört zu den Konstanten der veröffentlichten Meinung. Für all diejenigen Leserinnen und Leser, die nicht an politischer Polemik interessiert sind, hier einige Fakten:

Die Schweiz, ein Land von Kleinstunternehmen
In der Schweiz gibt es rund 310'000 Unternehmen. 270'000 Betriebe beschäftigen weniger als 10, rund 33'000 Unternehmen weniger als 50 Mitarbeitende. 6000 Unternehmen haben mehr als 50 und lediglich rund 1’100 Unternehmen mehr als 250 Beschäftigte. 270 dieser Grossunternehmen sind börsenkotiert. Wer Aussagen zur Schweizer Wirtschaft auf die Veränderungen in 13 Konzernen reduziert, handelt fahrlässig.

Der Zwang zur Grösse als Mythos
Erstaunlicherweise und entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, haben von den politischen und technologischen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit nicht die Grossunternehmen, sondern die Kleinstunternehmen profitiert. Heute gibt es 17% mehr Kleinstunternehmen als 1991. Die Zahl der mittleren und grossen Unternehmen dagegen hat in den vergangenen zwanzig Jahren abgenommen. Der immer wieder formulierte Zwang zur Grösse ist schlicht und ergreifend falsch. Die kleineren gesellschaftlichen Einheiten haben mit der Globalisierung und der Virtualisierung der Kommunikation vielmehr an Bedeutung gewonnen.

Löhne stiegen auch in der Rezession
Ökonomisch ist die wichtigste Grösse für Lohnerhöhungen die Arbeitsproduktivität. Langfristig sollten Arbeitsproduktivität und Löhne ungefähr im gleichen Tempo ansteigen. Im Krisenjahr 2009 ist die Arbeitsproduktivität in der Schweiz um 2 Prozent gesunken. Trotzdem haben viele Unternehmen die Löhne erhöht. Entgegen den gewerkschaftlichen Verlautbarungen sind die Arbeitnehmer nicht die Verlierer der Rezession.

Nur leichte Öffnung der Lohnschere
Die Löhne in der Schweiz unterscheiden sich stark nach Branchen. Deutlich über dem Schweizer Medianlohn liegen die Gehälter bei den Banken, den Versicherungen und in der chemischen Industrie. Ebenfalls überdurchschnittliche Löhne bezahlt die öffentliche Verwaltung. Im Detailhandel und im Gastgewerbe dagegen ist der Durchschnittslohn nur halb so hoch wie bei den Staatsangestellten. In Grenzen halten sich die Veränderungen bei der Lohnspreizung. Der Gini-Koeffizient, der die Einkommensverteilung zwischen den einzelnen Haushalten misst, ist in der Schweiz von 2000 bis 2008 von 0,23 auf 0,26 gewachsen. Innerhalb der OECD zählt die Schweiz damit zu den Ländern mit einer relativ geringen Lohnungleichheit. Die Behauptung einer im grossen Stil wachsenden Lohnkluft zwischen „oben“ und „unten“ ist falsch.

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