Mittwoch, 25. August 2010

Ohne Prüfung an die Kanti?

Aus Sicht der IHK St.Gallen-Appenzell ist der prüfungsfreie Eintritt in die Mittelschule abzulehnen. Nach unseren Erfahrungen entwickelt sich nicht nur der Bildungsbereich, sondern auch die Arbeitswelt in die entgegengesetzte Richtung. Die Institutionen der tertiären Bildung zeichnen sich heute durch eine intensive Prüfungstätigkeit aus. Jugendliche auf Lehrstellensuche müssen sich zunehmend unternehmesinternen Prüfungen oder privat organisierten Selektionsverfahren wie dem Multichek stellen. So organisiert beispielsweise die Handelskammer beider Basel bereits heute im Auftrage der Wirtschaft Eignungstests für gewerbliche Berufe. Angesichts dieser Entwicklung erachten wir die Möglichkeit des prüfungsfreien Übertritts in die Mittelschule als nicht sinnvoll. Wir sind überzeugt, dass die Vorbereitung und das Bestehen einer finalen Prüfungssituation eine wichtige Lernerfahrung darstellt, die nicht bis zur Maturaprüfung aufgeschoben werden sollte. Weiter erscheint es uns als nicht wünschbar, dass sich künftige Lehrlinge aufwendigen Testverfahren stellen müssen, während die Mittelschule prüfungsfrei erreichbar ist. Hürden dürfen nicht zu Lasten des dualen Bildungssystems abgebaut werden.

Hingegegen scheint uns der Verzicht auf mündliche Prüfungen sinnvoll. Allerdings stellt sich die Frage, ob ab dem Jahre 2014 nicht auf die Prüfung im Fach Französisch verzichtet und diese durch das Fach Englisch ersetzt werden sollte. Wir sind uns bewusst, dass ein solches Vorgehen staatspolitisch nicht einfach zu begründen ist. Allerdings erscheint uns eine Gewichtung mit drei sprachlichen Fächern (Variante Einbezug Fach Englisch im Zuweisungsentscheid) und Mathematik als zu einseitig und im Widerspruch zu den Bedürfnissen nach einer stärkeren Förderung naturwissenschaftlicher Fähigkeiten. Der Eintritt in die Berufsfeldfächer Musik und Gestaltung und in das Schwerpunktfach Latein kann wie vorgeschlagen auf Grund einer Empfehlung der Lehrkräfte der Oberstufe erfolgen.

Ebenfalls unterstützt wird der Vorschlag, einheitliche Prüfungen für alle Abteilungen (Gymnasium, FMS, WMS, WMI) durchzuführen und die Differenzierung über unterschiedliche Anforderungen für das Bestehen vorzunehmen. Diese Vereinheitlichung gewinnt durch die Durchführung der Prüfungen für alle Abteilungen in der 2. Sekundarklasse an Bedeutung. Der Lehrstellenmarkt wird damit von Bewerbungen entlastet, die lediglich für den Fall einer nicht bestandenen Aufnahmeprüfung erfolgen.

Die Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell schlägt vor, die vorgesehene schriftliche Prüfung für nicht Zugewiesene mit allen Schülerinnen und Schülern gegen Ende der zweiten Sekundarschule durchzuführen. Die Prüfungen sind im Rahmen der Schulen und nicht des Klassenverbandes zur organisieren. Inhaltlich kann auf den Erfahrungen des Stellwerk-Projektes aufgebaut werden. Die Resultate der Prüfung sind öffentlich zugänglich zu machen und sollen auch den Lehrmeistern als Orientierungshilfe zur Verfügung stehen.

Freitag, 20. August 2010

Ist Karin Keller-Sutter die richtige Bundesrätin? Die IHK sagt JA!

Die Ostschweizer Wirtschaft nimmt mit Freude zur Kenntnis, dass sich Regierungsrätin Karin Keller-Sutter als Kandidatin für die Nachfolge von Bundesrat Hans-Rudolf Merz zur Verfügung stellt. Die 45-jährige Wilerin hat sich in den vergangenen Jahren als Mitglied der St.Galler Kantonsregierung immer wieder aktiv und lösungsorientiert für die Anliegen des Wirtschaftsstandorts eingebracht. Ihr Engagement für attraktive Rahmenbedingungen wird von einer erfreulichen Gesamtsicht geprägt, die nebst fiskalpolitischen Fragen immer auch Anliegen der Infrastruktur, der Aus- und Weiterbildung sowie der inneren und äusseren Sicherheit abdeckt.

Die enge Einbindung von Regierungsrätin Karin Keller-Sutter in eidgenössische Kommissionen und Gremien hat mitgeholfen, Ostschweizer Positionen gesamtschweizerisch zu verankern. Diese nationale Vernetzung und Anerkennung sowie die exekutive Führungserfahrung als erfolgreiche Departementschefin in einem Departement mit rund 1‘500 Mitarbeitenden bieten optimale Voraussetzungen für das Bundesratsamt.

Die Ostschweizer Wirtschaft ist überzeugt, dass Karin Keller-Sutter eine starke Ostschweizer Stimme in Bern wird, die optimale Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsfähige Schweiz nicht nur in Reden fordert, sondern diese auch tatkräftig und zukunftsweisend gestaltet. In ihrer bisherigen Laufbahn hat Regierungsrätin Karin Keller-Sutter bewiesen, dass sie eine Frau der Tat ist und auch unangenehme und schwierige Dossiers im Interesse unseres Landes, unseres Wirtschaftsstandortes und damit der gesamten Bevölkerung zielgerichtet und lösungsorientiert anpackt.

Donnerstag, 5. August 2010

Die Lohnschere öffnet sich weiter! Von wegen...

Von Kurt Weigelt, Direktor IHK

Am 22. Juni geisterte eine fette Schlagzeile durch den gesamten Schweizer Blätterwald: Die Lohnschere öffnet sich weiter. Als Beleg für diese Aussage wurde eine Untersuchung des Gewerkschaftsverbandes Travail Suisse zitiert, nach der trotz Rezession in jeder zweiten Firma die Toplöhne stärker stiegen als die Tiefstlöhne. Die Behauptung einer im grossen Stil wachsenden Lohnkluft ist schlicht falsch.

Wer sich die Mühe nahm, auch das Kleingedruckte zu lesen, stellte fest, dass Travail Suisse lediglich die Löhne von 27 Konzernen untersuchte und bei 13 Firmen ein zunehmendes Lohngefälle feststellte. 13 Firmen! Mit andern Worten: bezogen auf die Lohnentwicklung in der Schweizer Wirtschaft war die Schlagzeile wertlos und diente einzig dem Zweck, das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu beschädigen. Damit hat die Gewerkschaft ihr Ziel erreicht. Kompliment.

Ärgerlich ist, dass es sich bei dieser medialen Fehlleistung nicht um einen bedauerlichen Einzelfall handelt. Im Gegenteil. Die Gleichsetzung der Schweizer Wirtschaft mit einigen wenigen globalen Konzernen gehört zu den Konstanten der veröffentlichten Meinung. Für all diejenigen Leserinnen und Leser, die nicht an politischer Polemik interessiert sind, hier einige Fakten:

Die Schweiz, ein Land von Kleinstunternehmen
In der Schweiz gibt es rund 310'000 Unternehmen. 270'000 Betriebe beschäftigen weniger als 10, rund 33'000 Unternehmen weniger als 50 Mitarbeitende. 6000 Unternehmen haben mehr als 50 und lediglich rund 1’100 Unternehmen mehr als 250 Beschäftigte. 270 dieser Grossunternehmen sind börsenkotiert. Wer Aussagen zur Schweizer Wirtschaft auf die Veränderungen in 13 Konzernen reduziert, handelt fahrlässig.

Der Zwang zur Grösse als Mythos
Erstaunlicherweise und entgegen der öffentlichen Wahrnehmung, haben von den politischen und technologischen Veränderungen der jüngeren Vergangenheit nicht die Grossunternehmen, sondern die Kleinstunternehmen profitiert. Heute gibt es 17% mehr Kleinstunternehmen als 1991. Die Zahl der mittleren und grossen Unternehmen dagegen hat in den vergangenen zwanzig Jahren abgenommen. Der immer wieder formulierte Zwang zur Grösse ist schlicht und ergreifend falsch. Die kleineren gesellschaftlichen Einheiten haben mit der Globalisierung und der Virtualisierung der Kommunikation vielmehr an Bedeutung gewonnen.

Löhne stiegen auch in der Rezession
Ökonomisch ist die wichtigste Grösse für Lohnerhöhungen die Arbeitsproduktivität. Langfristig sollten Arbeitsproduktivität und Löhne ungefähr im gleichen Tempo ansteigen. Im Krisenjahr 2009 ist die Arbeitsproduktivität in der Schweiz um 2 Prozent gesunken. Trotzdem haben viele Unternehmen die Löhne erhöht. Entgegen den gewerkschaftlichen Verlautbarungen sind die Arbeitnehmer nicht die Verlierer der Rezession.

Nur leichte Öffnung der Lohnschere
Die Löhne in der Schweiz unterscheiden sich stark nach Branchen. Deutlich über dem Schweizer Medianlohn liegen die Gehälter bei den Banken, den Versicherungen und in der chemischen Industrie. Ebenfalls überdurchschnittliche Löhne bezahlt die öffentliche Verwaltung. Im Detailhandel und im Gastgewerbe dagegen ist der Durchschnittslohn nur halb so hoch wie bei den Staatsangestellten. In Grenzen halten sich die Veränderungen bei der Lohnspreizung. Der Gini-Koeffizient, der die Einkommensverteilung zwischen den einzelnen Haushalten misst, ist in der Schweiz von 2000 bis 2008 von 0,23 auf 0,26 gewachsen. Innerhalb der OECD zählt die Schweiz damit zu den Ländern mit einer relativ geringen Lohnungleichheit. Die Behauptung einer im grossen Stil wachsenden Lohnkluft zwischen „oben“ und „unten“ ist falsch.